Hörst Du zu?

Du hörst gar nicht richtig zu!

Hast Du das auch schon mal gesagt? Also ich schon, meistens zu meinem Partner.

Warum ist das eigentlich so?

Wir hören tatsächlich sehr unterschiedlich zu. Schon Friedemann Schulz von Thun hat dazu ein Modell entwickelt. 4 Münder 4 Ohren. Darüber habe ich hier schon mal einen Blogartikel verfasst:

Sachohr * Appellohr * Beziehungsohr * Selbstkundgabeohr

Das Schöne ist: Du kannst entscheiden, mit welchem Ohr Du hören möchtest.

Die reine Sachinformation oder das, was der andere mit einer Aussage über sich selbst spricht. Mir hat diese Erkenntnis sehr geholfen.

Heute möchte ich aber noch auf ein anderes Modell hinaus: Ein Modell, das ich vor einigen Jahren in meiner ersten Coachingausbildung beim Institut Gesunde Karriere lernen durfte und das mir seitdem immer wieder bewusst wird, wenn ich jemandem sage, dass er oder sie doch gar nicht richtig zuhört.


Wie hörst Du zu?

Stimmst Du zu, dass Du je nach Stimmung, Ziel oder Gefühlslage anders zuhörst? Oder sagst Du, dass Du immer gleich zuhörst?

Das bringt mich noch zu dieser Frage:

Sind alle Geschichten, die wir uns und anderen über unser Leben erzählen, wahr?

Eine spannende Frage finde ich. Oft glauben wir, was wir erleben und daran, wie wir es erleben. Aus unseren Erlebnissen werden unsere Geschichten.

Wirklich objektiv ist das nicht.

Wir nehmen alles Erlebte durch die Brille der Erinnerungen, Interessen und Gefühle war und geben dem Ganzen eine Bedeutung. Daher kann „Wahrnehmung“ auch häufiger „Wahrgebung“ heißen. Man könnte auch sagen, dass wir uns fortwährend Geschichten von unserem Leben erzählen.

Anhand unserer Wahrnehmungen gestalten wir uns ein inneres Bild, das wir für die Realität halten. Da wir im Laufe unseres Lebens Handlungsstrategien entwickelt haben und weiterhin entwickeln werden und diese durch bestimmte Reize ausgelöst werden, sorgt die eigene Wahrgebung einer Situation für eine bestimmte Reaktion und Nutzung einer bestimmten Handlungsweise. Das läuft automatisch ab.

Du kannst es Dir aber bewusst machen. Da dies bei jedem von uns unterschiedlich ist, können schon mal Missverständnisse oder Konflikte entstehen.

Das Gute daran ist, dass nichts davon in Stein gemeißelt ist. Du kannst Dir Dein Erleben bewusst machen, mitsteuern und neue Entscheidungen treffen.

Frag Dich zum Beispiel:

  • Welche Reaktionen und Gefühle hat das bei mir ausgelöst?
  • Was habe ich wann und wie gesehen?
  • Wenn Du Dich z.B. geärgert hast: Was hat mein Ärger mit mir zu tun?


Befrag auch gern andere zu ihren Wahrnehmungen und gleiche eure Geschichten ab.

Bemerkst Du einen Unterschied?


„Wir können überhaupt nicht denken, ohne unsere fünf Sinne zu gebrauchen.“

Albert Einstein


Wir können uns unsere Wahrnehmung selbst gestalten. Erlebnisse nehmen wir mit allen Sinnen wahr und geben ihnen eine Bedeutung.

Alles spielt zusammen.

Wie gut dabei unser Zuhören ist, hängt davon ab, wie es um unsere Bedürfnisse und Motivation steht. Otto Scharmer hat sich in seinem Buch „Theorie U“ damit beschäftigt, wie sich eine Situation entwickelt.

Seiner Ansicht nach hängt es davon ab, wie man an die Situation herangeht. Er bezieht das auf die eigene Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Wir hören normalerweise das, was wir schon immer gehört und gewusst haben. Wenn Du Dich mit einer guten Freundin, Deiner Mutter oder Deinem Partner streitest und ihr in euren typischen Streitmustern unterwegs seid, wirst Du immer das hören, was Du erwartest zu hören. Du wirst sowas denken wie „Jetzt geht das schon wieder los!“. Du interpretierst die Gegenwart basierend auf dem, was Du aus der Vergangenheit kennst. Otto Scharmer nennt das „Runterladen“. In diesem Moment würdest Du auch nicht bemerken, wenn Dein Gegenüber plötzlich und unerwartet etwas ganz anderes sagt, als es sonst üblich wäre. Und genau das ist in das Modell eingeflossen, was ich Dir nun vorstellen möchte.

Das Modell des Zuhörens meiner damaligen AusbilderInnen enthält verschiedene Arten. Je nach dem, was wir wollen oder wie es uns geht, hören wir verschieden zu. Wenn Du zum Beispiel ein Ziel verfolgst, bist Du selbstbewusster und hörst anders zu, als wenn Du ängstlich bist und Dich unsicher fühlst.

Im Tiefgeschoss des Zuhören

Ein Zustand, in dem Du auf eine Lücke im Monolog des/der anderen wartest, um selbst das Wort zu ergreifen. Du willst Dein Thema platzieren und antwortest nicht auf das zuvor Gesagte, sondern das was Dir gerade wichtig erscheint und Du loswerden möchtest.

Fallen Dir Situationen ein, in denen das so ist?

Mir schon! Zum Beispiel in Besprechungen, wenn ich darauf warte, dass ich endlich meinen Vorschlag anbringen kann.


Runterladen

Das passiert im Alltag. Du hörst das, was Du gewohnt bist zu hören. Kennst Du vielleicht aus Gesprächen mit Familienmitgliedern. Es gibt immer dieselben Muster und Du erwartest schon bestimmte Antworten. Wenn Dein Gegenüber nun aber ganz anders als normalerweise reagiert, hörst Du es in diesem Zustand nicht.

Achte gern mal darauf.


Debatte

Ein rationaler, sachlicher Austausch von Gesprächsinhalten. Emotionen bleiben im Hintergrund.

Du nimmst Vielfalt wahr und lässt andere Sichtweisen zu. Und gleichst diese mit Deiner eigenen Sichtweise und Deinem Wissen ab.

Wir suchen die Debatte, wenn wir denken, dass wir Recht haben und unsere Position klären wollen.

„Ja, aber…!“ ist hier typisch. Kommt Dir dieser Zustand bekannt vor?


Dialog

Du hast hier Interesse an Deinem Gegenüber oder dem Gesprächsinhalt und bist bereit, die Welt mit anderen Augen zu betrachten. Du willst verstehen und hörst zu, ohne zu bewerten.

Aus „ja, aber…“ wird „ja, und…“. Ich meine hier kein trotziges „ja, und!?“. Es geht darum das Gesagte zu hören und mit Deinem Wissen, Deiner Erfahrung und Deiner Idee zu ergänzen.


Anhören

Hier achtest Du nicht auf den Inhalt, sondern darauf wie und mit welchen Worten etwas gesagt wird.

Und dann wird es gespiegelt, um dem Gegenüber die Möglichkeit von Erkenntnissen und AHA-Erlebnissen geben.

So hört ein:e Coach zu.

Beim Finden des eigenen Warum, das einen persönlich antreibt und das sich wie ein roter Faden durch all unsere Lebensgeschichten zieht, wird genau das ganz intensiv gemacht. Da werden Fragen zum Leben gestellt. Der Coachee berichtet dann von seinen Geschichten und der Coach hört einfach zu und spiegelt, welche Worte er oder sie gehört hat. Dabei stellen beide fest, dass bestimmte Worte immer wieder gesagt werden. Für den Coachee, um dessen Warum es geht, eine besonders intensive Coaching-Situation, da wir uns oft nicht bewusst sind, wie wir etwas formulieren.


Flow

Aus dem Dialog entwickelt sich ein Flow, aus dem Neues entstehen kann. Ideen kommen in die Welt und das eigene Ego wird für die gemeinsame Sache zurück gestellt.

Warst Du schon mal in einem Flow?


Spannend, oder? Hast Du Dich wiedergefunden?


Noch ein letzter Tipp:

Beginnst Du wieder aufmerksamer und achtsamer für Dich und Dein Gegenüber zu werden und zu sein, kannst Du Veränderungen entweder bemerken oder selbst einbringen, um eure Muster zu durchbrechen.

Und denke daran, dass nicht nur Du Dich in diesen Zuständen befinden kannst, sondern auch Dein Gegenüber. Wenn Dir zum Beispiel Kritik entgegenschlägt, kann es sein, dass diese mehr über den anderen/ die andere aussagt, als über Dich und das Thema, was Du gerade einbringst. 

Achte mal drauf und versuch, einen Unterschied zu machen.

Ich freue mich, wenn Du mir von Deinen Erfahrungen berichtest.


Wenn Du bei der Reflexion und Umsetzung Unterstützung brauchst, bin ich gern für Dich da. Über „Kontakt“ kommst Du zu allen Möglichkeiten, um mit mir in Kontakt zu treten.


Deine Anne